Fremde, ein geheimes Thema und eine Deadline: Was passiert bei einem Jam wirklich?
Niemand kannte die Aufgabe vorher. Alle gingen mit einem Prototyp nach Hause und mit einer neuen Art zu denken. Das Team hinter dem Vienna Service GovJam Nov'26 war bei beiden dabei: in einer ehemaligen Nadelfabrik im Westen Lettlands und Seite an Seite mit Verwaltungsmitarbeiter:innen in Kyjiw. Hier erzählen wir, was bei einem Jam tatsächlich passiert und warum wir das Format am 5. und 6. November nach Wien holen.
Halb elf, Samstag, eine Nadelfabrik
Am Samstag, dem 14. März, um 10:30 Uhr startete der Kuldīga Service Design Jam in der Adatu Fabrika, der alten Nadelfabrik in der lettischen Kleinstadt Kuldīga. An den Tischen saßen Menschen aus der Ukraine, Indien, Lettland, Pakistan, Kolumbien, Spanien, der Slowakei und Estland. Designer:innen, Studierende, neugierige Fremde. Viele hatten noch nie zusammengearbeitet. Manche hatten noch nie etwas mit Service Design zu tun gehabt.
Dann kam die Aufgabe. Kein Briefing. Keine Problemstellung. Ein animiertes Video von einem Gehirn.
So beginnt jeder Jam, in jeder Stadt: ein Thema, mit dem niemand gerechnet hat, enthüllt am selben Tag, und eine Uhr, die schon läuft. Niemand im Raum hat einen Vorsprung. Nicht die Teilnehmenden, nicht die Mentor:innen, nicht einmal das Orga-Team.
Warum das Thema geheim ist
Das geheime Thema ist kein Gag. Es ist der Kern der ganzen Sache.
Das Thema wird vom globalen Jam-Netzwerk festgelegt und überall im selben Moment enthüllt. Vor Ort hat niemand ein Mitspracherecht. Nicht das Orga-Team, nicht die Partner, nicht die Sponsoren. Niemand kann es in Richtung der eigenen Agenda, des eigenen Produkts oder des Lieblingsprojekts lenken, und niemand kann in der Woche davor still und heimlich eine fertige Antwort vorbereiten.
Deshalb kommen alle unvorbereitet, und zwar mit Absicht. Keine vorgefertigten Lösungen, keine Präsentation, die schon auf dem Laptop wartet, niemand, der die Antwort „eh schon kennt“. Der einzige Weg führt nach draußen: echte Menschen fragen und aus dem Gehörten etwas bauen. Genau das hält einen Jam ehrlich, und genau deshalb lohnt es sich, die Ergebnisse ernst zu nehmen.
Null Angestellte, Hunderte Städte
Der Jam ist keine lokale Erfindung. Er gehört zu einer weltweiten Bewegung, ins Leben gerufen von WorkPlayExperience, der Service-Innovations-Beratung von Markus Edgar Hormeß und Adam StJohn Lawrence. Sie haben den Global Service Jam, den Global Sustainability Jam und den Global GovJam gestartet und gemeinsam mit Marc Stickdorn und Jakob Schneider das Buch This is Service Design Doing geschrieben.
Ihre berühmte Beschreibung des Ganzen: null Angestellte und ein Budget von fast nichts. Und trotzdem öffnen an denselben Tagen in Städten auf der ganzen Welt tausende Menschen im selben Moment dasselbe geheime Thema und legen los.
In Kuldīga wurde dieser globale Teil richtig greifbar. Am Samstagabend schaltete sich der Raum live mit den Jams in Warschau und Lima zusammen, für eine Runde Zwischenpitches. Drei Städte, drei Zeitzonen, eine Aufgabe und jede Menge Winken in die Webcam.
Zwei Varianten solltest du kennen. Der Global Service Jam, zu dem Kuldīga gehörte, kann sich jeder Art von Service widmen. Der Global GovJam konzentriert sich auf Leistungen, die der Staat erbringt oder die mit Steuergeld bezahlt werden: das Formular, die Warteschlange, der Brief vom Amt, das Wartezimmer. Der Vienna Service GovJam Nov'26 ist ein GovJam.
Kuldīga: Was macht man mit einem Gehirn?
Ein animiertes Gehirn ist so ziemlich der abstrakteste Ausgangspunkt, den man sich vorstellen kann. Genau darum geht es. Die Teams mussten entscheiden, was es für sie bedeutet, und dann herausfinden, ob echte Menschen das genauso sehen.
Der Rhythmus war einfach und gnadenlos. Ein kurzer Input, dann sofort ins Tun. Discover: rausgehen, fragen, zuhören. Define: sich einigen, was das eigentliche Problem ist. Develop: schnell Ideen entwickeln und am Sonntagvormittag grobe Versionen davon bauen. Deliver: schärfen, testen und am Sonntagnachmittag vor dem ganzen Raum präsentieren. Auf dem Papier ist das der Double Diamond. In der Praxis ist es ein zweitägiger Sprint, in dem Recherche, Ideen und Prototypen ineinanderkrachen, und genau dieser Zusammenprall macht die Methode so wirksam.
Am Ende war aus dem Gehirn eine Reihe menschenzentrierter, inklusiver Service-Ideen mit echtem Wirkungspotenzial geworden. Keine polierten Produkte. Getestete Ausgangspunkte.
Organisiert wurde der Jam in Kuldīga von Studierenden des Masterstudiengangs Service Design Strategies and Innovations (SDSI), die einen Raum voller Vertrauen und Spielfreude geschaffen haben. Ein großes Danke an sie und an die lokalen Betriebe, die ihr Wochenende unterstützt haben.
Kyjiw: zwölf Arten von Korb
Ein paar Monate davor brachte der GovJam Kyjiw 2025 einen ganz anderen Raum zusammen. Verwaltungsmitarbeiter:innen, Aktivist:innen aus der Zivilgesellschaft, Designer:innen und Menschen, denen einfach nicht egal ist, wie öffentliche Leistungen funktionieren. Unterstützt wurde er von UNICEF Ukraine.
Das geheime globale Thema in diesem Jahr lautete „Körbe“.
Ein Wort. Zwölf Interpretationen. Ein Team sah darin einen Korb voller Dokumente, die man sammeln muss, bevor einem irgendein Amt hilft. Ein anderes einen Korb voller Chancen, die verloren gehen, weil niemand miteinander redet. Andere nahmen es wörtlich und schauten sich Mistkübel an, oder sie trugen die Idee in Themen wie Verkehr, die Rehabilitation von Veteran:innen und die Kommunikation zwischen Gemeinschaften und lokalen Behörden.
Diese Bandbreite ist die wichtigste Lektion, die ein Jam lehrt. Du kannst nicht wissen, was andere denken. Also fragst du sie, statt Annahmen zu treffen.
Die Teilnehmenden haben es besser gesagt, als es jedes Orga-Team könnte:
„Ab jetzt stelle ich lieber Fragen, statt Annahmen zu treffen.“
„Es war unerwartet, manchmal unbequem, aber genau darum geht es beim Wachsen.“
„Ich habe gelernt, bereit zu sein, eine Meinung zu hören, die ich nicht teile, und dem Prozess zu vertrauen.“
Feedback der Teilnehmenden, veröffentlicht von Lanka.CX.
Das wichtigste Ergebnis passt auf keine Folie: In den Kyjiwer Institutionen gibt es jetzt mehr Menschen, die Services gemeinsam mit denen gestalten, die sie nutzen.
Verschiedene Welten, ein Problem
Setz eine Verwaltungsmitarbeiterin, einen Designer, eine Studentin und einen Aktivisten an einen Tisch, und die erste Stunde klingt wie vier verschiedene Gespräche. „Bei uns in der Abteilung läuft das so.“ „Von meiner Seite aus schaut das ganz anders aus.“ Alle lesen das Thema durch die Brille ihrer eigenen Welt.
Diese Reibung ist nützlich. Wenn die Teams rausgehen, zuhören und ihre Notizen vergleichen, beginnen sich die Sichtweisen zu überschneiden. Irgendwo in dieser Überschneidung liegt ein Problem, das alle am Tisch wiedererkennen. Sobald sich das Team darauf geeinigt hat, ergibt sich der Rest: eine Lösung, hinter der alle stehen können, und ein Prototyp, den man echten Menschen zum Testen in die Hand drücken kann.
Und die Methoden? Die musst du nicht mitbringen. Mentor:innen begleiten jedes Team Schritt für Schritt durch den Prozess. Wenn du schon mit Service Design arbeitest, schärfst du, was du kannst, und probierst es im Zeitraffer aus. Wenn du den Begriff noch nie gehört hast, lernst du ihn auf die beste Art, die es gibt: indem du es tust.
Was ist Service Design eigentlich?
Ein Service ist kein Ding. Er ist eine Kette von Momenten zwischen dir und einer Organisation. Die Website, die du nicht findest. Der Brief mit dem Termin. Die Warteschlange. Die Person am Schalter. Das Formular, das dreimal nach denselben Angaben fragt. Die Rückmeldung, die nie kommt.
Service Design schaut sich diese ganze Kette an, von der Seite der Bürger:innen vor dem Schalter und von der Seite dahinter, und fragt, wie sie für alle Beteiligten besser funktionieren könnte. Es ist praktisch, gemeinschaftlich und mit Absicht ein bisschen chaotisch: Du recherchierst mit echten Menschen, baust günstige, grobe Versionen, testest sie und veränderst sie.
Ein Jam ist Service Design im Schnelldurchlauf. Zwei Tage für etwas, das in Projekten oft Monate dauert, mit der Erlaubnis, schnell und günstig danebenzuliegen. Sackgassen sind hier kein Scheitern. Sie sind Erkenntnisse.
Was bleibt, wenn die Post-its von der Wand sind
Frag jemanden, der schon einmal gejammt hat, was er mitgenommen hat, und der Prototyp ist selten die erste Antwort.
Die Leute erzählen von der Fremden, die bis zum Mittagessen zur Teamkollegin geworden ist. Vom Verwaltungsmitarbeiter, der zum ersten Mal von Angesicht zu Angesicht gehört hat, wie eine Bürgerin den Service erlebt, für den er verantwortlich ist. Von der Designerin, die endlich verstanden hat, warum „einfach das Formular ändern“ nie so einfach ist. Von dem Moment, in dem das Team gemerkt hat, dass seine geniale Idee falsch war, und eine Stunde später eine bessere gefunden hat.
Das ist die eigentliche Verwandlung. Du kommst als jemand, der eine Meinung dazu hat, warum öffentliche Services scheitern. Du gehst als jemand, der einen davon verbessert hat, und der jetzt eine Methode besitzt, das wieder zu tun.
Wir waren in diesen Räumen
Dieser Artikel ist kein Bericht von außen. Das Orga-Team des Vienna Service GovJam Nov'26 bringt praktische Erfahrung mit. Wir haben erlebt, wie ein geheimes Thema auf einen Raum voller Fremder trifft. Wir haben Teams gesehen, die feststecken, entscheiden, abstimmen, auf die Straße gehen, mit etwas zurückkommen, das niemand erwartet hat, und daraus bis zur Deadline einen Prototyp bauen. Wir wissen, wann die Energie einbricht und was ein festgefahrenes Team in diesem Moment hören muss.
Genau das bringen wir nach Wien. Kein Format, über das wir gelesen haben, sondern eines, das wir in zwei Ländern selbst erlebt haben.
Wien, du bist dran
Wien hat schon gejammt. Als The Gap über einen Global Service Jam hier berichtete, kamen an einem Freitagnachmittag rund zwei Dutzend Menschen bei GP Designpartners zusammen, wärmten sich mit Türmen aus Spaghetti und Marshmallows auf, und um sechs Uhr enthüllte ein Video das Thema: „Hidden Treasure“. Am selben Wochenende taten 2.061 Jammer:innen in 85 Städten dasselbe.
Jetzt ist das Format zurück, mit öffentlichen Services im Mittelpunkt.
Der Vienna Service GovJam Nov'26 findet am Donnerstag, 5., und Freitag, 6. November 2026 statt. Zwei Arbeitstage, eine geheime Aufgabe rund um öffentliche Services, enthüllt im selben Moment wie in Jam-Städten auf der ganzen Welt. Du arbeitest in einem gemischten Team aus Bürger:innen, Mitarbeiter:innen des öffentlichen Dienstes und Designer:innen, gehst in Wien raus, sprichst mit echten Menschen, baust etwas Testbares und präsentierst es am Freitag ehrlich vor dem ganzen Raum.
- Portionen
- 55 Jammer:innen. Teams zu fünft, eine Mentorin oder ein Mentor pro Team. Mehr nicht.
- Vorbereitung
- Keine, mit Absicht. Kein Design-Hintergrund, kein Vorwissen, keine Hausaufgaben zum Thema. Englischkenntnisse für den Arbeitsalltag reichen, und die Mentor:innen halten dir die ganze Zeit den Rücken frei.
- Kochzeit
- Zwei Tage — Donnerstag, 5., und Freitag, 6. November 2026, in Wien.
- Ergibt
- Einen Prototyp, den echte Menschen getestet haben, veröffentlicht mit deinem Namen darauf, und einen Raum voller neuer Menschen, an die du dich wirklich erinnern wirst.
- Unkostenbeitrag
- 45 €, für Studierende 25 €. Material und Verpflegung inklusive.
- Doch verhindert?
- Schick jemand anderen. Bis 24 Stunden vor dem Start genügt eine E-Mail mit einem Namen, und wir übertragen deinen Platz an eine Kollegin, einen Kollegen oder jemanden aus deinem Freundeskreis. Keine Gebühr, keine Formulare.
Das Thema kommt genau einmal, für alle gleichzeitig, und niemand in Wien — auch nicht das Orga-Team oder die Sponsoren — kennt es vor dir. Es gibt keine Aufzeichnung, keine Wiederholung, keine zweite Runde im Frühling. Am 7. November ist es entweder etwas, das du gemacht hast, oder etwas, worüber du gelesen hast.
Du arbeitest im öffentlichen Dienst und möchtest, dass dein Arbeitgeber dich schickt? Dann sprich das jetzt an. Anträge auf Bildungsfreistellung brauchen Zeit.
Vienna Service GovJam Nov'26 · 5.–6. November 2026 · Wien
Hauptpartner: Impact Hub Vienna.
In Partnerschaft mit DesignThinkers Academy und HorizonX.
Teil des Global GovJam, organisiert von WorkPlayExperience — Markus Edgar Hormeß und Adam StJohn Lawrence.
Organisiert von Vienna Service Design. Gemeinnützig, ehrenamtlich getragen.




